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Dieser Artikel ist meine Zulassungsarbeit zum Shodan in Daito-ryu Aiki-jujutsu in Takumakai Verband. Er behandelt den Ursprung des Hakama in den (japanischen) Kampfkünsten und versucht Fakten von Fiktion zu trennen, soweit es den Gebrauch und die Bedeutung des Hakama betrifft. Hauptsächlich versucht der Text einige Gedankengänge für die Yudansha (fortgeschrittene Grade), die ihn täglich tragen, zu entwickeln, und hoffentlich den Sinn zu finden, warum wir dieses alte kulturelle Symbol tragen.

Geschichte des Hakama

Der Hakama (袴) ist ein traditionelles japanisches Kleidungsstück, das ursprünglich von Männern der Oberklasse über dem Kimono getragen wurde. Gelehrte vermuten, dass die Anfänge des Hakama in der Heian-Zeit (794-1185) liegen, als Frauen am Kaiserhof Hosenröcke als Basisschicht ihrer Kimono trugen. Diese Hosenröcke waren ähnlich wie die heutigen Hakama gebunden. Etwas später in dieser Epoche begannen Männer Kleidungsstücke (kariginu und suikan) zu tragen, zu denen rockartige Hosen gehörten. Zu Beginn der Kamakura-Zeit (1185-1332) trugen Männer der höheren Klassen beim Reiten üblicherweise einen Hakama. Seit dieser Zeit verbreitete sich der Hakama in den oberen Gesellschaftsklassen in verschiedenen Formen, Stilen, Farben und Stoffen. Die Anzahl der Falten war von Typ zu Typ sehr unterschiedlich. Später verbreitete sich der Hakama auch in den niederen Klassen des Militärs, wie etwa bei den Fussoldaten, die momohiki (股引, lange Unterhosen) trugen, welche an den Beinen zusammengebunden waren, wie auch im gemeinen Volk, auch bei Gelehrten und sogar bei den Händlern. Zur Feldarbeit trug man enger geschnittene Hakama sogenannte nobakama (野袴, Feld hakama).

Als Japan immer mehr verwestlicht wurde, trug man den Hakama nur noch bei formellen Anlässen wie z.B. bei Hochzeiten und im Alltag wurde er nur noch von Shintopriestern und Kampfkünstlern getragen.

Hakama als Zeichen des Rang

In den meisten ko-budo Stilen (古武道, traditionelle japanische Kampfkünste, die während der Feudalzeit zwischen 1192 und 1867 entstanden) und auch in den modernen Kampfkünsten gendai-budo (現代武道) wie Iaido, Kyudo und Naginatado, wurde der Hakama immer von Anfang an und von jedem getragen, und so ist es heute noch. Wenn man bedenkt, dass bei vielen dieser Kampfkünste keine Hosen unter dem Hakama getragen werden, ist es undenkbar, ohne Hakama im Dojo zu erscheinen. Es gibt zahlreiche Berichte von anerkannten Shihan aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die bezeugen, dass ein Hakama für alle Schüler sowohl im Daito-ryu wie auch im Aikido vorgeschrieben war (zu jener Zeit wurden die beiden Gruppen noch nicht unterschieden), unabhängig von der Graduierung.

In der entbehrungsreichen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch, haben wohl einige Schulen den weniger begüterten Schülern die Pflicht sich einen Hakama zu besorgen bzw. zu kaufen im ersten Jahr erlassen. Mit der Zeit wurde aus dieser Vergünstigung eine Gewohnheit, dann eine Regel, schliesslich von änderte sich die Regel „nicht notwendig vor Shodan" zu „nur ab Shodan und darüber“. Interessanterweise trieben es einige Schulen wie Yoshinkan noch weiter, so dass der Hakama nur ab viertem Dan getragen werden durfte, während in einigen Ju-Jutsu Schulen, wie auch im Judo, der Hakama nur bei der Kata und im Waffentraining angelegt wird, dagegen bei waffenlosen und Bodentechniken nicht mehr.

So ist es verständlich, dass der Hakama mit der Zeit unbewusst mit der Graduierung verknüpft wurde. Die Dan Grade sind eine neuere Erfindung (1883) von Jigoro Kano (1860 - 1938), die in Folge auch von anderen Kampfkünsten wie Daito-ryu, Aikido, Iaido und vielen anderen übernommen wurden. Es scheint plausibel, dass die Verbindung zwischen Graduierung und dem Tragen eines Hakama etwa zur gleichen Zeit aufkam. Das ist im Aikido gut dokumentiert.

Ungeachtet des historischen Zusammenhangs zwischen Kleidung und Graduierung kann sich jemand, der Daito-ryu Aiki-jujutsu betreibt, vieles durch den Kopf gehen lassen, wenn er oder sie einen Hakama tragen darf. Zunächst war der Hakama, historisch gesehen, tatsächlich ein Statussymbol der höheren Samurai, so könnte man die Unterscheidung zwischen Schülern mit und ohne Hakama als Rückkehr zur Normalität auffassen. Eine Erklärung mit tieferer Bedeutung scheint mir, dass die Stufe Shodan (初段) richtigerweise mit Anfängergrad übersetzt wird und bei weitem keinen Endpunkt darstellt. Man könnte also sagen, dass nur jemand, der Shodan erreicht hat, mit dem tatsächlichen Studium der Kampfkunst beginnt. Der Eid, den der Shodan im Daito-ryu leistet, offenbart eben diese Auffassung. Konsequenterweise lässt sich der Hakama als äusseres Zeichen sehen, dass man nun in die Schule aufgenommen ist und auf dem Pfad des Aiki wandelt. Der Hakama bedeutet für den Yudansha demnach eine Verantwortung und die Zugehörigkeit zur Gruppe, und dient nicht nur der Unterscheidung.

Form und Farbe des Hakama

Aus offensichtlich praktischen Gründen wird in den Kampfkünsten meist der umanori (馬乗り, Reiter Hakama) getragen. Dieser hat zwei getrennte Beinröhren, wenn auch in einigen ko-ryu (古流, traditionelle Schulen) der nobakama bevorzugt wird, wahrscheinlich, weil die enger geschnittenen Beine Vorteile bringen. Eine Ausnahme bilden einige Kyudo Schulen, in denen Frauen den ungeteilten andon bakama (行灯袴, Laternen Hakama) tragen.
Im Takumakai Handbuch wird keine besondere Form empfohlen, aber der umanori ist anscheinend am weitesten verbreitet, wie auch in vielen anderen ko-ryu. In diesem Handbuch wird allerdings beschrieben, dass ab Shodan blaue Hakama getragen werden, während Shihan (師範, Experten), kyoju dairi (教授代理, Instruktoren) und shibucho (Abteilungsleiter) schwarz tragen. Das ist eine Spezialität unserer Schule, während andere ko-ryu weniger strenge Regeln hinsichtlich Farbe und auch Form haben. Zum Beispiel ist im Toda-ho Buko-ryu der umanori Hakama die Norm aber als Farben sind blau, schwarz und weiss erlaubt.
hakama weissNach Aussage von Hisao Kamada, einem Schüler Ueshibas vor dem Krieg, war der weisse Hakama am Kobukan Dojo gestattet. Von Hakudo Nakayama, dem Gründer der Muso Shinden Ryu, heisst es, dass er seine Schüler weisse Hakama tragen liess, um leichter erkennen zu können, ob diese auch regelmässig gewaschen wurden. Historisch gesehen muss man annehmen, dass Blau weiter verbreitet war als Schwarz. Die Farbe aizome indigo wurde für viele traditionelle Kleidungsstücke benutzt, während Schwarz sehr teuer gewesen sein muss und erst mit dem Aufkommen synthetischer Farben und Stoffe in Verbreitung kam.

Allgemein gesehen dient der Hakama als Verbindungsglied zwischen dem modernen Budoka, ob in Japan oder ausserhalb, und der traditionellen japanischen Kultur. Die mit dem Hakama verbundenen Rituale haben eine besondere Bedeutung. Das Binden dient zur Einstimmung auf das Üben und erlaubt es dem Budoka die richtige Einstellung fürs Lernen aufzubauen. Das komplexe Falten am Ende des Keiko (der Übungsstunden) zur Erhaltung der Form des Hakama ist ein friedlicher, beinahe meditativer Moment vor der Rückkehr ins banale Leben. Die Sorgfalt, die man einem Hakama angedeihen lässt, sagt viel über den Geisteszustand eines Übenden aus. Jeder Budoka mit Selbstachtung sollte sehr darauf sehen, ein gutes Bild von sich selbst, seinen Lehrern und der Schule abzugeben.

Der Hakama stammt aus dem Adel und beinhaltet einen Sinn für Würde und Verantwortung. Es ist offensichtlich, dass man mit einem Hakama anders dasteht und sich anders bewegt als ohne. Das nennt sich Hakama Sabaki. Das Fliessen des Stoffes unterstützt den Fluss der Bewegungen und es gibt eine interessante Parallele zwischen dem idealen Fliessen des Ki und des Kleidungsstücks. Interessanterweise erlebte ich manchmal Instruktoren, wie sie Schüler wegen ihrer unordentlichen Hakama am Ende der Stunde tadelten. Sie sagten, wenn der Hakama sich löst, liege es daran, dass die Körperbewegungen nicht richtig sind.

Die Bedeutung der Falten des Hakama

Verschieden Kampfkünste haben die gleichen Vorstellungen davon, dass jede Falte des Hakama einen moralischen Wert darstellt. Diese Werte bilden als Ganzes den ethischen Rahmen des Kriegers.

Der Ursprung der moralischen Werte des japanischen Kriegers

Dieses Wertesystem kam wahrscheinlich mit den 5 konfuzianischen Kardinaltugenden nach Japan, die als Grundlage der Gesellschaft dienten:
Mitgefühl, Anstand, Beachtung von Riten und Gebräuchen, Einsicht und Weisheit, gegenseitiges Vertrauen.
Später schrieb Miyamoto Musashi (1584 - 1645) in seinem Buch der fünf Ringe von Güte, Wahrheit und Gerechtigkeit, Höflichkeit, Weisheit, Treue.
Seitdem wurden diese Werte in der Kriegerklasse weithin übernommen, die ganze Tokugawa Epoche (1600 – 1868) hindurch bis zur Meiji Restauration. Dieses Gedankengut verlor dann aber mit dem Verschwinden der Kriegerklasse an Bedeutung. Angesichts eines wachsenden westlichen Einflusses lebten während der Meiji Zeit diese Werte wieder auf, insbesondere durch das Buch „Bushido, the Soul of Japan“ des Gelehrten Inazo Nitobe. Gerade sein Buch, das im Original auf Englisch publiziert wurde, machte diese Konzepte den westlichen Lesern bekannt.

Seitdem haben diese Werte wieder Eingang in die Kampfkunst Schulen, besonders im modernen Budo (gendai budo), gehalten.

Konfuzianische Werte und Falten des Hakama

Die Übernahme der konfuzianischen Werte durch die Kriegerklasse ist zwar gut dokumentiert, wann genau diese Werte den Falten des Hakama zugeschrieben wurden, ist aber unklar. Einige Gelehrte vermuten, dass dies erst in der Meiji Zeit geschah.
Abgesehen davon haben einige prominente zeitgenössische Instruktoren ausführlich über dieses Thema geschrieben. Mitsugi Saotome nennt in seinem Buch „Die Prinzipien des Aikido“ folgende: Güte, Ehre und Gerechtigkeit, Höflichkeit und Etikette, Weisheit und Intelligenz, Wahrhaftigkeit, Loyalität, Pietät.
Das ist eine von vielen Varianten. Da es schwierig ist, historische Belege dafür zu finden, und da die Zahl der Werte und der Falten häufig variiert, müssen wir da etwas vorsichtig sein.

Zusammenfassung

Wir haben gesehen, dass der Hakama aus der Heian Zeit (794 – 1185) stammt. In dieser Epoche lebte Minamoto no Yoshimitsu (1045 – 1127), der Meister, dem die Entdeckung des Konzepts Aiki zugeschrieben wird. Der Hakama kann also als Verbindungglied in einer ununterbrochenen Linie des Wissenstransfers von damals bis heute angesehen werden*.

Es ist aber auch ein klares Zeichen, dass wir Ko-Budoka Interesse an der Vergangenheit haben und sie achten. Man sollte nicht vergessen, das im heutigen Japan selten ein Hakama getragen wird, dass aber die Ko-Budoka die Tradition weiterführen wollen und Verantwortung für deren Weitergabe übernehmen.
Für mich schliesslich liegt beim Hakama, genauso wie bei jeder Graduierung, der Wert im Herzen dessen, der ihn erhält und bei jenem, der ihn verleiht. Es ist mehr als ein Statussymbol, es ist ein Band zwischen Lehrer und Schüler. Daher hat der Hakama, ungeachtet historischer Nachweise und Wandlungen in seinem Gebrauch, immer noch eine wichtige Bedeutung für mich. Es ist die Anerkennung, dass ich fähig und wert bin, auf dem Weg des Aiki weiter zu gehen.

Auszugsweise übertragen aus dem Englischen von Bernhard Boll